In unserem Rücken steckt kein Stock, den wir den ganzen Tag mit uns herumtragen. Vielmehr ist es so, dass wir uns nach vorne beugen oder nach hinten lehnen. Und wer schon einmal den Kamelgang im Orientalischen Tanz ausprobiert hat, weiß, wie beweglich unser Rücken sein kann. Bewegungen im Beckenbereich gelten zudem als besonders erotisch. Die Lendenwirbelsäule kann vor, zurück und seitlich gekippt oder geschaukelt werden. Auch im Taijiquan & Qigong ist diese Beweglichkeit von großer Bedeutung für den freien Fluss unserer Lebenskraft, die in der chinesischen Medizin Qi genannt wird. Die Rückenfreundlichkeit von Taijiquan & Qigong ergibt sich aus der bewussten Entspannung und Bewegung der unteren Lendenwirbelsäule. Denn hier liegt ein Schatz, unser Lebenstor.

Dein Lebenstor finden (Übung)

Lege deine Hände links und rechts auf deinen Beckenkamm und wandere von dort mit den Daumen zu deiner Wirbelsäule. Der Punkt, den du dort findest, ist das Lebenstor (Mingmen). Er befindet sich gegenüber von deinem Bauchnabel. Um diesen Punkt herum kannst du dein Becken vorwärts und rückwärts kippen oder knicken. Im Gegensatz zu anderen Konzepten der Physiotherapie und der Rückenschule ist die Beweglichkeit in diesem Bereich essentiel für die Praxis des Taijiquan & Qigong. Wir nutzen sie wie ein zusätzliches Gelenk. Lege nun eine Hand unter das Lebenstor, in die Mitte des Nierenbereichs, und eine Hand auf den Unterbauch, unterhalb deines Bauchnabels. Versuche nun dein Becken vor- und zurückzuschaukeln, und zwar unabhängig von deinem Oberkörper, d.h. oberhalb der Taille. Beuge dabei die Knie. Das macht die Schaukelbewegung leichter. Im Taijiquan und Qigong arbeiten wir deshalb fast immer mit gebeugten Knien. Ein kurzes Video zeigt dir, wie es geht. Wie gut gelingt es dir?

 

Die Taiji-Typen und ihre Ausprägung des geraden Rückens

Durch ihre individuelle Körperform unterscheiden sich die beiden Taiji-Typen in der Ausprägung des geraden Rückens. Möchtest du wissen, was es mit den Taiji-Typen auf sich hat, dann schaue dir zuerst mein 3-Minuten-Video auf Vimeo an.

Der wirklich gerade Rücken kommt strenggenommen nur in der Entspannungsphase des fersengestützten Bottom-up-Typen vor, in der er gelöst ausatmet. Er richtet sein Steißbein zum Boden und belastet gleichmäßig die Hüft-, Knie- und Fußgelenke. In seiner Kraftphase der tiefen Einatmung erfolgt jedoch eine Art Rückbeuge, also ein Rückwärtskippen um das Lebenstor, als würde er den Einatem einladen, in den dadurch geöffneten Brustkorb hineinzufließen. Dieses Kippen wird jedoch nicht aus dem Rücken selbst gesteuert, sondern entsteht allein durch die geerdete Stütze in den Fersen. Der Bottom-up-Typ wächst wie ein Baum von unten in die Höhe.

Dagegen kommt der ballenbetonte Top-to-bottom-Typ niemals in die Versuchung, einen komplett geraden Rücken zu machen. Er ist sozusagen der Alptraum aller Physiotherapeuten! Denn ein leichter Knick um das Lebenstor entspricht seiner natürlichen Körperform! In der Entspannungsphase, wo dieser Typ sanft einatmet, kommt er dem geraden Rücken am nächsten. Hier gilt es, das Becken abzusenken und in der Lendenwirbelsäule loszulassen, wie ich es im ersten Video demonstriert habe. In seiner Kraftphase der tiefen Ausatmung schaukelt der Top-to-bottom-Typ jedoch sein Becken nach vorne, sodass der Unterbauch quasi über die Oberschenkel kippt. Die Belastung im Fuß verlagert sich auf den Fußballen. Das Becken schaukelt um das Lebenstor herum nach vorne, als würde der Ausatem mit einer Gießkanne ausgeschüttet.

Im folgenden Video kannst du die Arbeit mit dem Lebenstor in der angewandten Praxis beobachten. Zuerst wird der Top-to-bottom-Typ („solar“) gezeigt und dann der Bottom-up-Typ („lunar“). Zu den verschiedenen Begrifflichkeiten werde ich noch einen eigenen Blogartikel schreiben.

Die Rückenhaltung im Taijiquan & Qigong unterscheidet sich somit fundamental von den Konzepten der Physiotherapie und Rückenschule. Mit der Idee eines mehr oder weniger geraden Rückens arbeiten wir nur bedingt und nur in bestimmten Bewegungsphasen. Wir haben auch ein anderes Ziel: Taijiquan und Qigong nähren und pflegen das Qi durch die erhöhte Entspannung und Beweglichkeit im Bereich des Lebenstores. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Auch im Taijiquan & Qigong arbeiten wir an den Rückenproblemen der Menschen, die durch Verformungen der Wirbelsäule (z.B. Hyperlordose d.i. Hohlkreuz) entstehen. Allerdings lehren wir die Menschen zunächst ihre untere Lendenwirbelsäule mehr zu entspannen und diese wieder beweglich zu machen. Durch mehrjähriges Training reduziert sich dann die Tendenz zum Hohlkreuz.

Fehlinterpretationen des geraden Rückens

Wie wir anhand der unterschiedlichen Phasen beider Taiji-Typen gesehen haben, gibt es den geraden Rücken nur in der Entspannungsphase des Bottom-up-Typen. In den anderen drei Fällen ist der gerade Rücken ein Mythos, der allerdings noch in vielen Taijiquan- oder Qigong-Schulen unterrichtet wird, insbesondere aufgrund der Unkenntnis über die spezifischen Bedürfnisse der Taiji-Typen. Nach meiner Erfahrung werden zumeist Top-to-bottom-Menschen in das Bottom-up-Schema gepresst, da diese Schule in Deutschland am häufigsten zu finden ist. Das Gefühl, unfähig zu sein, den Rücken nicht gerade halten zu können, sich mehr zu versteifen als zu entspannen, kann die Freude an Taijiquan & Qigong erheblich vermindern. Kopfschmerzen und körperliches Unwohlsein können ebenfalls die Folge von nicht typgerechtem Taijiquan & Qigong sein. Manche Menschen hören dann auf, obwohl ihnen die Art und Weise der Bewegungen grundsätzlich gefallen hat. Das ist so schade und könnte durch ein geschultes Bewusstsein bei den Lehrerinnen und Lehrern vermieden werden.

Doch auch Taiji-Stile, die eigentlich auf einen bestimmten Typ zugeschnitten sind, werden manchmal in eine falsche Richtung gelenkt.

1. Sei es, dass die chinesischen Großmeister unbewusst versuchen, einen Taiji-Typ nachzuahmen, dem ihr eigener Meister angehörte, der sie selbst aber nicht sind.
2. Sei es, dass sie aufgrund fehlerhafter Annahmen ihr Taijiquan oder Qigong nicht ganz korrekt ausüben.
3. Sei es, dass die chinesischen Großmeister von ihrer deutschen Schülerschaft missverstanden oder fehlerhaft interpretiert werden.

Im Falle meines Taijiquan trafen womöglich alle drei Punkte zu. Ich möchte deshalb berichten, was mir passiert ist.

Werbebroschüre zum Wu-Stil nach Ma Jiangbao (1941-2016) für das bereits vergriffene Lehrbuch „Wu-Stil Tai Ji Quan. Ma Jiangbao: Die langsamen Formen“

Ein Beispiel aus meiner Taiji-Praxis: Der Wu-Stil nach Ma Jiangbao

Es klingt erst einmal komisch, aber durch falsch geübtes Taijiquan können vorübergehende Rückenbeschwerden auftreten. Ich hatte z.B. jahrelang Verspannungen im unteren Rücken, wenn ich meine 108er-Form des Wu-Stils nach Ma Jiangbao performte. Die Lösung der meisten Lehrerinnen und Lehrer war der vielbesagte gerade Rücken. Der Wu-Stil ist aber für den Top-to-bottom-Menschen entwickelt worden und somit wird der Rücken nie ganz begradigt. In unserer Vorwärtsstellung (GongBu) stehen wir zur Erde geneigt in einer schrägen Haltung und benötigen somit ein leicht vorgekipptes Becken. Die Lehrmeinung besagte aber, dass der Rücken von der Halswirbelsäule über den Steiß bis ins hintere Bein in eine gerade Linie gebracht werden solle.

Zusammen mit Meister Frieder Anders von der Taiji Akademie in Frankfurt, der den Qi-Fluss in dieser Position mit mir testete, entdeckte ich, dass diese Lehrmeinung nicht richtig war. Ferner bestimmten wir den Taiji-Typ des chinesischen Lehrers Ma Jiangbao und kamen zu dem eindeutigen Ergebnis, dass er ein Bottom-up-Typ war: Punkt 1 in meiner Liste. Die Folge davon war, dass Ma die Top-to-bottom-Ausrichtung des Wu-Stils durch seinen Taiji-Typ überformte: angefangen bei der Kopfhaltung über das Gehen bis zur Belastung der Gelenke, also Punkt 2 in meiner Liste. Ich lernte einiges um.

Die erwähnte Lehrmeinung über den geraden Rücken schien jedoch nicht direkt auf Ma Jiangbao zurückzugehen. Die Abbildungen im Lehrbuch zeigten sogar ganz offensichtlich, dass er sich bemühte, das Vorwärtskippen unterhalb des Lebenstores künstlich zu erzeugen und damit seinem Großvater und Vater nachzueifern. Er musste es somit gelernt haben. Ob und wie er es weitervermittelte, ist mir noch unklar. Möglicherweise trifft Punkt 3 zu und es entstand eine Fehlinterpretation vonseiten der Schülerschaft. Es ist auch bekannt, dass er je nach Fortschritt des Schülers die Bewegung einmal so und einmal so erklärte oder davon ausging, dass die Übenden bestimmte Funktionsweisen des Taijiquan selbst herausfinden. Im chinesischen Kulturraum ist es nicht üblich, dass der Meister viel erklärt. Die Schüler ahmen ihn nach. Taiji-Typen oder Unterschiede zwischen den Körperformen sind dort nicht bekannt oder werden nicht als solche behandelt.

Das Bild zeigt den Taiji-Meister Yang Chengfu, der ein Top-to-bottom-Typ war. Bei den chinesischen Großmeistern bemerken wir zunächst einen sehr geraden Rücken. Bei oberflächlicher Betrachtung kann man somit durchaus den Eindruck gewinnen, der Rücken müsse komplett begradigt sein. Der genaue Blick erkennt jedoch unterhalb des Lebenstores einen kleinen Knick nach vorne. Eigener Screenshot von YouTube nach dem Buch von Matthias Wagner.

Typgerechtes Taijiquan & Qigong: Wo kann ich das lernen?

Um als Anfänger oder Fortgeschrittener in die Thematik einzutauchen, empfehle ich dir zum einen mein Basismodul zu buchen und mit mir auf Entdeckungsreise zu gehen. Darin werden wir uns mit Taijiquan & Qigong in deinem Taiji-Typ befassen und ebenso seine Bedeutung für die Gesundheit herausarbeiten.

Mehr zum Basismodul findest du hier.

Zum anderen kann ich die Ausbildungen und Kurswochenenden der Taiji Akademie in Frankfurt wärmstens empfehlen, denn von dort sind die wichtigsten Impulse zu diesem Thema ausgegangen. Für Menschen, die bereits Erfahrungen in Taijiquan & Qigong haben und sich auch ihrer Lendenwirbelsäule widmen wollen, ist die Fortbildung im LebenstorQigong® von Frieder Anders bestens geeignet. Dieses Programm ist auch für Fortgeschrittene sehr anspruchsvoll und kann nicht gleich beim ersten Mal vollkommen erfasst werden. In der Fortbildung werden zudem Arm- und Beinspiralen typgerecht vermittelt, die auf das Taiji übertragbar sind. Für Anfänger und Qigong-Übende ist das AtemtypQigong® von Frieder Anders empfehlenswert, da die Übungen relativ leicht ausführbar sind und eine allgemeine Einführung in den jeweiligen Typ gegeben wird. Ebenso bieten die Kurse des AtemtypTaiji® einen wunderbaren Einstieg ins typgerechte Taijiquan.

Das aktuelle Kursprogramm der Taiji Akademie findest du hier.

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